Montag, 26. Oktober 2015

Der Horcher horcht. Herbst-Morgensonne auf dem Rücken. Draußen Schmetterlinge. 


Was haben wir für ein leichtes Leben. 
Gestern Abend sagte Melissa Fleming, Leiterin des UN Flüchtlingswerkes, etwas, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. In diesem Sinne: In allen Nachbarländern z.B. Syriens leben seit Jahren Millionen von Flüchtlingen. Klar gibt es Konflikte. Aber keine Panik. Sobald die Menschen sich aber vermehrt auf den Weg nach Europa machen, bricht Panik und Hysterie aus.

Und da komm ich zurück auf unser"leichtes Leben"
Natürlich haben auch wir unsere Sorgen und Befindlichkeiten, unsere Trauerarbeiten und Anstrengungen, Krankheiten und wirtschaftlichen Sorgen. Wie eben Menschen es haben, solange sie leben. Mehr oder weniger. Ungerecht verteilt oft- aber das ist eine politische Frage oder eine des Schicksals.

Eine Anruferin im WDR 5 sagte vor ein paar Wochen, sie empfände die ablehnende Reaktion auf das Kommen so vieler Flüchtlinge als ungeheuer kindisch. Wir seien verwöhnt von langer Friedenszeit, vom langen Wohlergehen, vom Sattsein. Erwachsenes Verhalten sei aber, Notwendigkeiten zu sehen und alles zu tun, die Not zu wenden.  Angemessen reagieren halt. Und nicht rumzetern und Angst bekommen.

Angst wovor eigentlich? Um unsere schöne Ordnung, die wir hier aufbauen konnten in 70 Jahren "Frieden"(der erkauft wurde und wird mit dem Unfrieden und dem Elend derer, die nun kommen)? Eine Ordnung, die sich manchmal auf absurde Weise selbst überholt...
Um unsere Regeln und schön eingespielten Bürokratismen? Um unsere pro Kopf Wohnfläche von aktuell 45 qm pro Person (ja, ich weiß, wer Kinder hat oder wenig Geld hat weniger, aber das ist der aktuelle Wohnraum im Durchschnitt in Deutschland p.P. Und seid sicher: die Entscheidungsträger in Europa wohnen nicht in Hütten)? Um unsere Deko und vollgestopften Geschäfte?

Was ist eine Ordnung wert, wenn sie nichts vertritt als sich selbst und wenn die "Werte", die angeblich die Grundlage Europas bilden, keine Abbildung finden können in ihrer Struktur?

Wo bleibt eine Weitsicht von Politik, wenn die Herren und Damen vor lauter Bankenrettung und Finanzkrise, vor lauter Rüstungsdeals-einstielen und Kräftemessen zwischen Adler und Bär übersehen, dass an der syrischen Grenze in den riesigen Flüchtlingslagern den Menschen nicht mal mehr das tägliche Brot bleibt und die Weltgemeinschaft den Menschen den Geldhahn bis kurz vorm Verhungern zugedreht hat. Das war kaum eine Nachricht wert, bis, ja bis sich die Menschen in Massen auf den Weg machten.

Ich habe Angst, weil in diesem Lande wieder ausgegrenzt und aufgehetzt, auf Schwache eingeprügelt wird und afdliche Rattenfänger die Schwachen gegen die noch Schwächeren aufhetzen. Weil Menschen wieder das Menschsein abgesprochen wird und Mitleidslosigkeit um sich greift. Weil Herzen erkalten und Köpfe zu Beton werden. 
All das wird herbeigeredet.  Ich fand den Satz von Angela Merkel superklug: "Was passiert denn, wenn wir sagen: Das schaffen wir nicht?"
Genau das sagen aber die Panikmacher und Angstschürer. Und sie haben Erfolg. Brandstifter, diese Biedermänner.
 Keine Handbreit den Menschenverachtern! Sie nicht verharmlosen mit Begriffen wie" besorgte Bürger" oder "ängstliche Nachbarn".
Claus von Wagner, der Kabarettist, sagte neulich so schön:
Deutsche Werte? Ja klar, aber dann doch nicht Göbbels, sondern  Goethe!



Der Horcher horcht. Gibt es leise Töne der Hoffnung, der Vernunft, des Erwachsenwerdens, der Solidarität?
Gibt es. Bei vielen Menschen hierzulande und anderswo, immer noch. 
 Der Geist weht wo er will. Dafür gilt zu diskutieren, Kerzen anzuzünden, zu arbeiten, zu beten, zu verhandeln, sich einzumischen,  zu widerstehen. Hoffnung ist eine Tugend.
Nicht die Leichteste.   


Kommentare:

  1. Ja, ich mische mich ein, mische mit. Es ist nicht einfach, wenn sich unterschiedliche Kulturen treffen. Da gibt es eine Menge Arbeit. Und da gibt es ..... syrisches Essen ( unschlagbar! ich kann jetzt syrisch kochen ! ), da gibt es Verständnis ( gerade zwischen Frauen) das ohne Worte auskommt. Und manchmal lautes Lachen über Unterschiede und Missverständnisse. Und viele Gemeinsamkeiten. Denn wir sind alle Menschen, Mütter, Väter. Töchter, Söhne.
    Die vergangenen Monate haben mich so viel gelehrt. Auch daß es VIELE,VIELE gibt, die helfen wollen.
    Nächste Woche fängt mein Arabischkurs an, mal sehen was draus wird.
    Vielleicht mehr als ein paar auswendiggelernte Worte zur Begrüßung.

    In diesem Sinne LG Gitta

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  2. Ein mutmachender Text! So mutmachend wie Frau Merkels Ausspruch ( und ich weiß,du siehst sie kritisch, ich auch, aber das fand ich überraschend gut & angemessen ). Oder jetzt der Vorkommentar von Gitta.
    Wenn wir in Europa diese "Krise" nicht bewältigen, dann frage ich mich, was ich von der Idee noch halten soll.
    LG
    Astrid

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  3. auch wenn viele schreien, krakeelen, brandstiften: es gibt sie, die leisen töne, die manchmal auch laut werden. ich bin sehr froh darüber. und über deinen text.
    liebe grüße von mano

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  4. Recht hast Du. Aber je komplexer ein Problem, desto größer die Sehnsucht nach einer einfachen Lösung. Die einfachste wäre, dass alles beim Alten bleibt. Und leider kann man Menschen durch Angst sehr leicht lenken und manipulieren. Deshalb wäre es so wichtig, unsere Mitmenschen in ihrer Angst ernst zu nehmen (ich spreche nicht vom braunen Satz, der vernunftresistent ist). Das Gegenteil passiert: Die einen instrumentalisieren und die anderen stigmatisieren. Das macht auch mir Angst.
    Ganz liebe Grüße
    Sonja

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  5. Regensburger Reise- und Sternengeschichten bei dir, und ein kluger Text, der gut tut. Vorgestern fuhren wir an Regensburg vorbei, auf der Heimfahrt aus Italien... Zuhause bei mir Herbstgold wie bei dir im Garten. Und im Dorf leuchtend goldene Birken. Das "GanzUndGarAusAllemRaussein" war gut, nun komme ich langsam zurück ;-). Liebe Grüße Ghislana

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  6. Liebe Lisa! Dieser Text hat mich so bewegt, dass ich ihn wieder und wieder gelesen habe. Ich habe eine nbei den Transitflüchtlingen geholfen, die Bilder und Erlebnisse werden mich wohl noch lange begleiten. Und dann ist da ein abgesagter wWihnachtsbesuch bei meiner Mutter und dem das Thema Flüchtlinge zugrunde liegt. Ich würde deinen Text gerne rebloggen weil er so viele Aspekte auf den Punkt bringt. ein text der nahegeht. Frohe weihnachten und viele Grüße Xeniana

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