Donnerstag, 9. Januar 2014

 Idylle
ich gebe zu, ich lese ab und an gerne die Landlust. Ich finde, es gibt gut recherchierte Artikel zu Landschaften oder Naturthemen, professionell in Szene gesetzt. Weniger gefallen mir die oft umständlich oder mit absurdem Materialaufwand hergestellten Werkeleien( ich sag nur Gipskopfengel...) oder die arg verklärt daherkommenden Darstellungen von Landleben( Landleben hat heute einfach nichts mehr mit Idylle zu tun. )
Aber die Sehnsucht danach gibt es halt, und die bedient diese Zeitschrift gekonnt. Besser als die Dutzenden, die in ihrem Fahrwasser entstanden sind.

Ich mache mir seit geraumer Zeit darüber, was mir immer ein bisschen Bauchschmerzen macht bei dieser Art Lektüre, so meine Gedanken. Und gestern, da schlugen sie über meinem Kopf zusammen. 
Ich hatte das Tagwerk hinter mich gebracht, das Feuer im Ofen lockte mich zum Schmökerstündchen. Ich versank im Sessel und, nachdem ich mir die groß gewachsenen, Gesundheit und Bildung ausstrahlenden mittel- bis nordeuropäischen jungen Meeresrandbewohner auf der Titelseite angeschaut hatte mit ihren wunderbaren handgearbeiteten Wollmützen, schlug ich die neue Landlust auf. 



Direkt hinter dem Deckblatt lag eine lose Beilage, gleich neben der ersten Werbeseite.


Jetzt frage ich Euch: 
1. Was hättet Ihr gedacht in dem Moment
2. Wer kann sich vorstellen, dass  in einer dieser, die Heimat-Idylle feiernden, Illustrierten auf der Titelseite ein junger Mensch auftaucht, der die Hautfarbe der Kinder auf der Beilage hat, mit Wolltweedwesten oder Leinenschürzen oder schicken Mützen bekleidet?  
3. Und wenn Ihr es Euch ( wie ich) nicht vorstellen könnt:Was sagt uns das??

Ich bin weit davon entfernt, irgendwelche Zeitschriften-Redaktionen zu verdächtigen, politisch in irgendeine Richtung zu wollen. Was die Beilage und die Werbung betrifft- das ist bestimmt nur eine Mischung von Zufall und Gedankenlosigkeit. Schlimmstenfalls Geschmacklosigkeit.

Was aber macht dieses verschwumelte Bild der "Idylle- Heimat- gute alte Zeit- Werterhaltung- heile Familien- Sehnsucht" , das uns in den Heften und inzwischen auch im Fernsehen und, ja, auch in vielen Blogs, geboten wird, mit mir?  Und warum kann ich mir keine Afrikanerin auf der Titelseite der Landlust vorstellen? 

Ich sehe nichts Unrechtes in Sehnsucht nach regionalem Handeln, Heimatgefühl, gesundem Essen, gutem Handwerk, Naturschutz, Wertigkeit,Übersichtlichkeit.......Warum aber wird das so häufig thematisiert  mit der Ausblendung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit?

Ich weiß, dass die Landlust keinen Anspruch erhebt, gesellschaftliche Wirklichkeit abzubilden oder zu diskutieren. Aber ich finde trotzdem, dass die Frage gestattet sein muss, und zwar auch an uns alle, die diese oder ähnliche Zeitschriften lesen, was wollen wir erfahren und warum schließt diese, wenn auch nur lesende Erfahrung, erhebliche Teile unserer Wirklichkeit und unserer Mitmenschen aus?? Außer- und hier wird es eben so perfide- in einer nach Mitleid heischenden Beilage, aus der aber auch klar wird, dass die fremdländischen Kinder ihre Not beruhigend weit weg in anderen Teilen der Welt haben und uns so nicht zu nahe rücken. Sie sind ja nur eine lose Beilage. Während der kleine Feinschmeckerhund sich gleich auf der ersten Seite über sein Sternemenü freuen darf. 
Hart? Zu hart?

Wie sehr man doch aufpassen muss. 

Was meint Ihr?


Kommentare:

  1. Liebe Lisa ! Ja, Du hast recht... vieles gibt es zu hinterfragen. Ich lese besagte Zeitung auch gelegentlich, finde manche Anregung darin toll. Aber wirkliches Leben, gesellschaftliche und globale Wirklichkeit ist etwas anderes. Wie sagt doch Felix Meyer : Liebe, Dreck und Gewalt.... das dürfen wir nicht ausblenden. Kleine Fluchten sind erlaubt, Stunden des Rückzugs, aber kein dauerhaftes Ausblenden und Einmummeln im trauten Heim. Und, ich bin froh über die Einblicke, die ich in Wirklichkeit erlangen darf, im Krankenhaus auf der Straße oder auch über die politischen Aktivitäten meiner Kinder z. B.

    Also, liebe Lisa, lass uns wach bleiben.

    Lieben Gruß Gitta

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  2. Ich muss sagen, ich lese diese Zeitschrift nicht. Ich krieg schon die Krise, wenn ich die Covers sehe - ich mag "gestellte Schönheit" nicht. Und den "Kampf": Wer ist noch kreativer? Wer kann noch besser landchic sein usw. - allerdings weiß ich jetzt nicht, was in "Landlust" drin ist, weil ich sie noch nie gelesen habe, trotzdem
    - das Bild mit den zwei "Werbungen" lässt mich sehr nachdenklich zurück. Schockiert eigentlich. Weil es so deutlich zeigt, wie es eigentlich läuft auf unserer Welt. Mit Spenden das Gewissen beruhigen und danach das Schoßhündchen mit Fleisch füttert, von dem so mancher auf unserer Erde nicht mal träumen kann...
    Ja. Man muss aufpassen, dass man nicht selber solche Wege beschreitet...

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    1. Ich nochmal ;-)
      Jetzt hab ich alles nochmal gelesen und das Bild betrachtet. Und möchte dir noch sagen, dass ich es wirklich gut finde, dass du das zeigst. Normalerweise sieht man, dass jemand was nachgemacht hat aus solchen Zeitschriften und es in ebensolchem Stil präsentiert - was kritisches, nachdenklich machendes findet man eher nicht. Aber ich finde es wichtig, das anzusprechen. Danke dafür!!!

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  3. Ich würde diesen Bericht an die Redaktion von Landlust schicken, und es würde mich interessieren was da für eine Rückmeldung kommt.
    Es ist wahrscheinlich "Zufall" das Hundefutterwerbung und hungernde Kinder auf einer Seite präsentiert wurden. Einfach nur gedankenlos. Es hätte auch Werbung für Rasenmäher sein können und daneben ein Beitrag über Ökoblumenwiesen. Da wurde einfach nicht nachgedacht. Oder doch?
    Nach dem Motto: Wer Geld für Landlust hat, der hat auch Geld für eine kleine Spende?
    Ich leihe mir die Landlust oft aus, und schaue sie mir auch gerne an. Kaufen würde ich sie mir nicht, das ist mir zu teuer.

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  4. Ich hatte einmal einen Jahrgang als Geschenkabo und mich an vielen schönen Bildern und Texten gefreut, und manchmal blättere ich beim Warten auf Bahnhöfen im Zeitungsladen drin herum. Ästhetisch gesehen sticht die Zeitschrift ja schon aus so manchen Kitsch- und Belanglosigkeitsblättern hervor. Auch ich fand viele gut recherchierte naturkundliche/ökologische Artikel z. B. darin, die offenbar heute nötig sind, weil kaum noch einer aus eigener Anschauung und Erfahrung so etwas lernt.... Kein Wunder fast bei einem Urbanisierungsgrad von über 80% in D. Mir ist auch klar, dass so eine Zeitschrift auch von Werbung lebt. Was da aber manchmal drin auftaucht, hat mit Landlust wirklich nichts mehr zu tun und konterkariert die gute Absicht mancher Artikel, die ich mal unterstellen möchte (sonst sähen viele "Landlust"gärten in der Realität wohl noch steriler und "unlebendiger" aus). Das von dir beschriebene Zusammentreffen von Titel, Werbung und Spendenaufruf in der Zeitschrift kann einem wirklich übel aufstoßen. Aber nicht nur da wird Lebens- und Gesellschaftswirklichkeit nicht abgebildet. Ich arbeite in der Erzieherausbildung und recherchiere z. B. mit den Studierenden zu Spielzeug in Kitas - wo gibt es da z. B. farbige Puppen? Obwohl doch besonders in städtischen Kitas viele farbige Kinder sind? Wo finden die sich wieder in ihrem Kinderalltag? Lieder, Bücher aus den Herkunftskulturen? Oft weithin Fehlanzeige, die wenigen guten Ausnahmen mal ausgenommen. - In Heimatverbundenheit und Regionalität sehe ich schon auch Stärken, denn je weiter etwas von uns weg und entfremdet stattfindet, desto weniger sensibel werden wir und desto weniger wissen wir darüber, wie eigentlich was in die Regale der Supermärkte und der Kaufhäuser kommt, und desto weniger wollen wir darüber wissen, betrifft uns ja nicht direkt... Trotz allem finde ich sinnvolles Spenden wichtig und richtig, in Projekte, die Hilfe zur Selbsthilfe stimulieren und Bildung ermöglichen. Aber das größte Problem ist, dass wir als westliche Gesellschaft Lebensstilen frönen, die Ressourcen verschwenden, Natur zerstören, die Umwelt belasten und soziale Ungerechtigkeit zulassen. Gerade heute habe ich z. B. wieder einen Artikel über das unglaubliche Kaufvolumen an Kleidung gelesen, die oft unter unwürdigsten Zuständen produziert wird und um die halbe Welt kutschiert werden muss..., Fleischkonsum, Auslagerung von umweltbelastenden Industrieen in Schwellenländer usw. sind andere Themen. Das alles ist wahnsinnig komplex und unübersichtlich, Kopf in den Sand stecken hilft nicht, und daher ist jeder kleine selbstgegangene Schritt wichtig. Und so auch, dass du darüber gestolpert bist und in deinem Blog geschrieben hast! Prima! Lieben Gruß Ghislana (die ein Landleben führt, fernab vom "stylischen DIY-Landlust-Idyll", soweit wie's geht einfach und natürlich)

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  5. liebe lisa,
    ab und an habe ich mir die landlust auch schon mal gekauft, allerdings eher auf dem flohmarkt als am kiosk. auch wenn gute artikel drinstehen (z.b. interessieren mich immer alte handwerkskünste und berichte über schöne gegenden), so finde ich sie im großen und ganzen einfach zu sozialromantisch, rückwärtsgerichtet und an der realität vorbeigehend. wenn man weiß, dass landwirtschaft heutzutage von kapitalgesellschaften beherrscht wird und ökobauern kein land mehr bekommen, weil alles von großkonzernen aufgekauft wird, dann liest man solche zeitschriften mit ganz anderen augen. und dann passt eben auch die werbung für luxushundefutter und arme afrikanische kinder zusammen. wobei mir bei deiner gegenüberstellung echt übel geworden ist - mag es auch ein zufall gewesen sein, dass sie grad nebeneinander lagen.
    gut und wichtig, dass du darüber berichtet hast!
    herzlichen gruß, mano

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  6. Liebe Lisa,
    just jene Ausgabe bekam ich zum Geburtstag geschenkt. Zufall, dass der Spendenaufruf bei Dir auf Seite 1 lag, bei mir lag im Heft mittendrin.
    Jeder kann entscheiden für was er Geld ausgibt, ob es immer neue und stylisch sein muss oder man langlebige Produkte wählt und Hersteller aus der Region bevorzugt, auf faire Preise achtet, Dinge wieder verwendet, mit dem vorhandenen kreativ umgeht. Hilfsprojekte unterstützt und ganz wichtig den eigenen Kindern vorlebt, dass man Geld nicht essen kann und wir nur eine Welt haben.
    herzlich Judika

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  7. Ihr Lieben, danke für Eure Beiträge!
    Natürlich war es Zufall, dass bei mir die Beilage grad auf der ersten Seite lag- aber ist das nicht eigentlich egal? Und natürlich haben die Verfasser der Beilage im Kopf gehabt( und dafür gezahlt!) dass die Landlust eine hohe Auflage hat und vielleicht auch von gutbetuchten Leuten gelesen wird, denen man bei ihrer Naturliebe auch Mitgefühl für kleine afrikanische Kinder zutraut. Was mich so anfrisst ist ja gar nicht die Sehnsucht nach Idylle oder der Wunsch nach Spenden. Sondern auf der einen Seite das Ausschließen bestimmter Menschen und Wirklichkeiten aus unserer Land- oder Stadtlust- Wohlfühl-Welt und auf der anderen Seite so ein Spendenaufruf, der Menschen auf ein Bittstellerniveau reduziert und die, politisch und global verursachten Probleme , reduziert auf süße Kinder , die herzergreifende Wünsche haben sollen. Menschenwürde ist halt unteilbar. Und es gibt eben Gegenden in unseren Städten mit hoher Bioladendichte und kultivierten Menschen, wo die Stadt z.B.keine
    Asylsuchenden, ich nenne sie lieber Flüchtlinge, unterbringen würde. Denn die Menschen in diesen Stadtvierteln haben eine andere Lobby, als Menschen in den Hochhausvierteln am Rande. Und kultivierte Menschen sind zwar natürlich keine Rassisten, nur Flüchtlinge als Nachbarn zu haben geht vielen doch gegen den Strich. Auch in ästhetischer Hinsicht. Das ist jetzt böse ausgedrückt, ich weiß. Damit will ich auch nur illustrieren, was ich meine. Und ich sag auch: ich möchte ganz aufrichtig bei mir aufpassen, dass mich dieses Fühlen nicht erwischt. Und da, wo es sich vielleicht schon in mein Denken und Fühlen eingeschlichen hat, möchte ich es immer wieder wägen und wiegen und entsorgen. Das mein ich mit aufpassen.
    In diesem Zusammenhang ist es nebenbei interessant, dass die Bewegung der Artamanen-http://de.wikipedia.org/wiki/Artamanen
    so richtig Land gewinnt und das braune Landvolk die Welle der Heimatbewegungen trefflich für sich nutzt.
    Ein weites Feld, habt Dank für Euer Interesse!
    Herzlichst
    Lisa

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