Montag, 20. April 2015

Fassungslos

Da sitzt in einer der beliebtesten deutschen Talkshow gestern Abend, bei Herrn Jauch nämlich, ein Exminister, der auf die Frage, wie das Massensterben im Mittelmeer beendet werden könnte, nichts, aber auch gar nichts zu antworten weiß, als mit dem Finger auf andere Kriminelle zu zeigen, auf die Schlepper nämlich. Weiß er, dass Fluchthilfe in der DDR verboten war? Und dass Schleuser, die reich geworden sind, indem sie sich nämlich gut haben bezahlen lassen, sogar Bundesverdienstkreuze verliehen bekamen für ihr gutes Geschäft? Er weiß es. Und er weiß auch ganz genau, dass Europa die Toten in Kauf nimmt, um Flüchtlinge abzuschrecken. Heuchler,Brandstifter er. 

Ferner sitzt da ein Herr Köppel von der Schweizer Weltwoche, der es sogar ganz offen ausspricht, dass, wäre die Überfahrt geschützter und ungefährlicher, ja noch mehr auf die Idee kommen könnten unser schönes wohlhabendes Europa zu überfluten. Und der mich in seiner Argumentation  fatal an einen ebenfalls in "Recht und Gesetzen" und deren bürokratischen Auswirkungen und Zugzwängen ungeheuer bewanderten Herrn Eichmann erinnerte, der ja auch gar keinen persönlichen Groll hatte auf die von ihm Deportierten, sondern nur nach Recht und Gesetz handelte. 

Was nun schließlich der Flüchtlingsheime verhindern wollende Herr in dieser Runde zu suchen hatte, ist wohl das Geheimnis des Herrn Jauch.

Herrn Köppel, der in diesen Tagen sein drittes Kind erwartet, das hoffentlich das Glück haben wird, in Frieden, Freiheit und Wohlergehen aufzuwachsen,  habe ich noch während der Sendung eine Mail geschickt. Sonst wäre ich erstickt:

Hallo Herr Köppel,
ich stelle mir vor, Herr Köppel, Sie geraten mit ihrer Frau und ihren Kindern in Lebensgefahr. Es geht um Leben und Tod ihrer Lieben. Und keiner will Ihnen helfen, weil es gegen das GESETZ verstößt. 
Nach Nazigesetz durften in meinem Land keine Juden versteckt werden. Nach DDR Gesetz durften keine Menschen aus dem Land flüchten. Soviel zum Gesetz.
Stellen Sie sich auch manchmal vor, wie es wäre, wenn IHRE Kinder keine Zukunft hätten? Aus welchen Gründen auch immer? Stellen Sie es sich vor, Herr Köppel. 
Niemand, niemand macht sich heimatlos ohne Not, Herr Köppel. Flucht ist keine Lustreise. Niemals.





Lisa Kötter

PS in meinem Haushalt leben übrigens zwei Flüchtlinge. Nur dass Sie jetzt nicht auch mir das gleiche vorwerfen, wie dem wunderbar menschlichen Herrn Prantl von der Süddeutschen  

Ich fügte auch das Zitat von Christa Wolf hinzu, das mir gestern Mirjam in ihrem Kommentar schrieb:

"Ich kann nur hoffen, sagte ich, daß es keinen Gott gibt und kein Jüngstes Gericht, denn segnen würde er keinen von uns satten gefühllosen Weißen, es sei denn, er wäre wirklich nur unser Gott." (Christa Wolf: Stadt der Engel)

Danke dafür.

  Maya Alkhechen, die so eindrücklich von ihrer

Flucht erzählte und Herrn Höppner , der ein Schiff gekauft hat 

und "einfach" anfängt - mit Helfen nämlich, nicht mit Reden-, 

gilt meine Hochachtung. Herr Höppner forderte auch eine

 Gedenkminute für die Opfer ein, die Herr Jauch zu 

verhindern versuchte. Das hat ihn sehr entlarvt in seinem

ganzen Betroffenheitsgetue.

Wunderbar war Herr Prantl von der Süddeutschen Zeitung, 

der auch eine Mail von mir bekam, mit Dank für das was

er gesagt hat und wie er es gesagt hat.

Schlafen konnte ich dann doch nicht. So habe ich auf Papier

geträumt.


Asylanträge in allen Botschaften möglich machen!

Mare Nostrum wiederbeleben!

Landgrenzen öffnen!

Ausbeutung in den Herkunftsländern beenden!

Endlich teilen! 

Kommentare:

  1. Tausend Flüchtlinge sind schon ertrunken, das ist wahrlich eine Katastrophe und bestürzt sehr. Trotzdem möchte ich widersprechen. Der Vergleich der Fluchthelfer in der DDR mit denen der Schlepperbanden hinkt aus meiner Sicht ganz gewaltig. Hier nutzen Menschen die wirtschaftliche Not anderer Menschen aus, lassen sich so eine Überfahrt teuer bezahlen, ermutigen vielleicht noch die Menschen im Land mit falschen Versprechungen und wissen doch ziemlich genau, was für ein gefährliches Unterfangen so eine Überfahrt ist...und nehmen ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf, dass überfüllte Flüchtlingsboote kentern. Das empört mich über alle Maßen! Ich bin der festen Überzeugung, dass das Problem nur vor Ort...also in Afrika gelöst werden kann...und nirgends anders. Wir reden hier in aller Regel von Wirtschaftsflüchtlingen...und nicht von politisch Verfolgten! Die wirtschaftlichen Zustände in Afrika müssen verändert werden. Ich habe übrigens Verwandtschaft in Afrika...ich kenne also durchaus ein paar Hintergründe und Fakten. Die Problematik ist sehr viel komplexer! Ich finde es übrigens beachtenswert und anerkennen, dass du diese Sache auf deinem Blog zu Thema machst, denn wir dürfen nicht weggucken, sollten darüber diskutieren! LG Lotta.

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    1. Liebe Lotta, viele westdeutsche Fluchthelfer haben viel Geld verdient und sich ihre Hilfe von den Flüchtlingen sehr gut bezahlen lassen. Für die Flüchtlinge aus der DDR war es davon abgesehen auch immer lebensgefährlich, ihr Land"illegal" zu verlassen. Auch sie verstießen eben gegen geltendes "Recht" Und da wird einfach mit zweierlei Maß gemessen. Natürlich muss vor Ort ein Leben für alle Menschen in ihrer Heimat ermöglicht werden. Aber man muss das eine tun, nämlich akut Leben retten, ohne das andere zu lassen, nämlich die Verhältnisse vor Ort verbessern helfen und die Verteilung von materiellen wie mentalen Gütern auf der Welt gerechter zu machen. Dass die Problematik ungeheuer komplex ist und selbst langjährige Insider oft nur ratlos die Schultern zucken, weiß ich.
      LG
      Lisa

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    2. Liebe Lisa, da bin ich ganz bei dir...Natürlich kann man nicht zusehen, wie immer wieder Menschen ertrinken und muss denen, die erst einmal losgefahren sind, unbedingt Hilfe anbieten. Aber man muss vor allem dafür sorgen, dass die Menschen gar nicht erst losfahren und den Versprechungen der Schlepperbanden Glauben schenken und sich in Lebensgefahr begeben. Es waren politisch Verfolgte, die vor allem in DDR Zeiten versucht haben, das Land zu verlassen...es waren keine Wirtschaftsflüchtlinge! Und die Zahlen sind nicht vergleichbar. Und ein Vergleich macht die Sache nicht einen Deut besser. Schlepperbanden sind für mich ganz klar Kriminelle, die sich an der Not anderer bereichern. Hoffen wir beide darauf, dass die Zahl der ertunkenen Flüchtlinge nicht weiter steigen in Zukunft. LG Lotta.

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    3. Liebe Lotta, natürlich sind die Zahlen nicht vergleichbar. Ich habe dieses Beispiel in erster Linie gezeigt, um die Absurdität aufzuzeigen, im Angesicht von Not über Gesetze zu reden. Ich will auch keine Schlepper und Gewinnler an dem Elend verteidigen. Warum sollte ich.
      Mit dem Wort "Wirtschaftsflüchtlinge" habe ich jedoch große Schwierigkeiten. Was würden denn wir tun, wenn unsere Kinder oder Enkel und wir selbst von Hunger bedroht, in Armut gefangen, keine Chance auf Teilhabe an Bildung und Kultur hätten. Auch sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge fliehen vor Elend und Zukunftslosigkeit. Und in jedem Fall verläßt niemand seine Heimat ohne Not.
      Auch die vielen Flüchtlinge aus der DDR, die nicht politisch verfolgt wurden, sondern einfach frei sein und ein besseres Leben wollten, haben ihre Heimat bestimmt nicht leichten Herzens verlassen.
      Unser Wohlstand beruht vielfach auf der Ausbeutung der Länder, aus der die Flüchtlinge kommen. Jemand, ich glaube es war der Uno- Menschenrechts- Beauftragte, sagte heute, dass es in Europa einen monumentalen Mangl an Mitleid gibt. Und den gibt es eben nicht nur angesichts der Mittelmeerkatastrophe.
      Ich möchte hoffen, dass die Welt, dass wir uns endlich wandeln und teilen lernen.
      LG von Lisa

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    4. Es fliehen nicht die Ärmsten der Armen...denn die könnten sich die Überfahrt gar nicht leisten. Und genau deshalb muss dringlich vor Ort etwas passieren, Veränderungen geschaffen werden, damit es in der eigenen Heimat wieder lebenswert ist. Und da bin ich ganz bei dir...wir wohlhabenden Länder sollten dazu einen erheblichen Beitrag leisten, wobei ich die Aussage, dass unser Wohlstand lediglich auf der Ausbeutung dieser Länder beruht, zu pauschal finde, das ist nur die halbe Wahrheit. LG Lotta.

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  2. Ich habe gerade erst im Netz über diese unsägliche Sendung gelesen, da ich ja keinen Fernseher habe. ich denke viel über das Problem nach, weiß aber bisher keine Lösung. Die Gedanken an das Flüchtlingsschicksal meines Mannes ( Danziger Bucht ) und das meiner Ma habe ich auch im Hinterkopf...
    GLG
    Astrid

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  3. Danke Lisa, dass du hier darüber sprichst. "Ausbeutung in den Herkunftsländern beenden! Endlich teilen!" schreibst du, liebe Lisa. Nur darin wird dauerhaft eine Lösung liegen, unabhängig von der natürlich gebotenen Hilfe im akuten Notfall! Aber gerade an dieser Ausbeutung in den Herkunftsländern ist der Westen, sind wir, ja beteiligt, mit unserem Wahnsinns Ressourcenverbrauch, mit der Ungerechtigkeit gegenüber den Produzenten und Arbeitern in Ländern "des Südens", denen Rohstoffe, Land und gesunder Boden geraubt wird, weil die Industrienationen am Wirtschaftswachstum hängen, denen unsere "Abfälle" in die Landschaft gekippt werden und unser Plastik in die Meere, die nicht mal die kleinen Fischer dieser Länder mehr ernähren. Und just in ihrer Mai-Ausgabe sucht die deutsche Zeitschrift "Mein schöner Garten" 500 Bewerber, die ein Unkrautvernichtungsmittel, Roundup, eins der giftigsten und - in Südamerika nachweislich - Krebs verursachenden Produkte des weltweit monopolistisch allgegenwärtigen Monsanto-Konzerns, in ihren Hausgärten testen wollen.... Unfassbar. Geschäft, das große, in den Händen weniger einflussreicher Personen, global agierender Konzerne, geht noch immer vor, und immer vor Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Umweltschutz. Und was der Westen an sogenannter Entwicklungshilfe leistet, ist - so bitter die Einsicht ist - oft auch nur politisches und wirtschaftliches Kalkül. Ich habe auch keinen Fernseher, schon lange nicht mehr, informiere mich Zeitung, Radio und Internet, und da besonders über Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen und -stiftungen, denn auch die sogenannten öffentlich rechtlichen oder privaten Medien werden manipuliert und manipulieren. Es ist alles sehr komplex, verdammt komplex und ich erinnere mich an meinen Unterricht heute in Berlin mit den im Examen stehenden Erziehern, gerade über das solche Ungerechtigkeit in anderen Ländern schaffende "westliche Wirtschaften", dessen Ziel ist viel zu verkaufen und so billig, wie es die Kunden wollen, zu billig jedenfalls, als das man davon leben könnte dort, wo diese Massen produziert werden. Nachhaltigkeit besteht eben nicht nur aus Umweltschutz, sondern Gerechtigkeit und Wirtschaft gehören dazu. Was mich am allermeisten nervt, ist soviel Scheinheiligkeit und Gleichgültigkeit... Danke dir, auch für deinen Traum auf Papier. Lieben Gruß Ghislana

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  4. Liebe Gishlana, ja, die Welt ist so eingerichtet, dass man manchmal verzweifeln will. Und immer muss man aufpassen. Und sich hüten. Vor Allem vor den einfachen Lösungen.

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  5. Ich schließe mich Dir, liebe Lisa und Ghislana in allen Punkten an, ich danke der literarisch hochbegabten Mirjam für ihre Worte und habe mich heute der Gruppe pro asyl angeschlossen, werde versuchen hier vor Ort in der Flüchtlingshilfe mitzuarbeiten
    und weiterhin möglichst keine Umweltsauereien wo auch immer, wie auch immer, mitzumachen. LG Gitta

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  6. ich sehe mir schon lange nicht mehr diese sendungen im fernsehen an - dort wird einfach viel zu viel gelogen, verschleiert und geheuchelt. ich finde es sehr gut, dass du dieses thema hier so intensiv aufgreifst und diskutierst. wir tun das im freundeskreis auch und überlegen gerade, was für möglichkeiten der hilfe wir außer spenden noch haben.
    lg, mano

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